Von der Freude, am Leben zu sein

Warum ich einem Schnupfen dankbar bin

Zwei Wochen mit einem Schnupfen sind eine lange Zeit. Er schleicht sich ein wie ein ungebetener Gast, der seinen Aufenthalt Tag um Tag verlängert. Mit jeder Stunde rückt er mir dichter auf die Pelle. Er nutzt meine augenblickliche Schwäche, macht sich schließlich in der ganzen Wohnung breit und lässt wenig später auch noch Halsweh und Husten herein.

Nach ein paar Tagen bleibt mir nur noch das Bett. Alles Bitten, alles Flehen ist umsonst, dass er sich doch endlich verziehen möge samt seiner Bagage; wo sollte sie auf die Schnelle auch hin. Ein Gast wie dieser bleibt, solange er will, das weiß ich aus langer Erfahrung. Weil streiten zwecklos ist, lasse ich ihn gewähren und füge mich so gut ich kann in mein Schicksal.

Genesung geschieht oft ebenso allmählich. Ich atme freier von Tag zu Tag, huste seltener, nehme eine Dusche, bewege mich mehr. Zimmer um Zimmer räumen die Gäste einer nach dem anderen meine Wohnung, ich fühle mich weniger eingeschränkt. Über Nacht packt schließlich auch der Schnupfen seine Siebensachen und stiehlt sich grußlos davon. Was hätten wir uns zum Abschied auch zu sagen? Es war schön bei dir, ich komme bald wieder? Scher‘ dich zum Teufel und lass dich nie wieder blicken? Ersteres hätte ich nicht hören wollen, bei letzterem hätte sich der Schnupfen lachend auf die Schenkel geklopft.

Jetzt ist er jedenfalls weg und ich nehme mein Leben wieder in Besitz. Zum ersten Mal seit Tagen stöbere ich durch die Nachrichten, höre ich wieder Musik, lese ich wieder ein Buch. Die Rückkehr in den Alltag kommt wir vor wie eine Neugeburt. Bald werde ich wieder das Haus verlassen und Menschen begegnen, die ich lange Zeit nicht traf. Hallo, ewig nicht gesehen, wie geht es dir? Gut, es geht mir gut; mir will fast scheinen, viel besser als vor diesem Schnupfen.

Großer Auftritt an Weihnachten

Bezeichnenderweise bereitete er am Weihnachtstag seinen großen Auftritt vor. Von Heiligabend an fror ich drei Tage, so sehr ich auch den Ofen einheizte. Die Gäste zogen ihre Pullover aus, ich mir einen weiteren über. Weder ein heißes Fußbad am Abend noch eine zweite Decke in der Nacht vermochten die Kälte zu vertreiben. Sie schien von innen zu kommen, als hätte ich einen Eisblock verschluckt. Ich fror, wie mir schien bis in die Seele. Was hatte ich da bloß auf Eis gelegt, das jetzt auftauen wollte, in der Zeit der Raunächte, ausgerechnet.

Nach diesen drei verfrorenen Tagen stand am Morgen des vierten der Schnupfen auf der Matte. Meinen Geburtstag hatte er noch abgewartet, dann machte er sich über mich her. Die Nase abwechselnd triefend und verstopft; letzteres besonders in den Nächten, was mich kaum schlafen lässt. Zunehmender Druck im Kopf, ich kann mich immer schlechter konzentrieren. Ich fühle mich kraftlos und elend, dabei wollte ich doch so viel tun. Noch halte ich an meiner Tagesroutine fest, lege mich morgens zum Yoga auf die Matte, recherchiere, schreibe, denke nach und drehe am Nachmittag meine Runde durch die Felder. Sie wird immer kleiner, dafür werden die Ruhepausen zwischen meinen Aktivitäten immer größer. Der Vorrat an Taschentüchern schwindet immer schneller dahin. Ruhe ist alles, was ich noch will.

Einige Tage später kommen die oben erwähnten Halsschmerzen hinzu. Das Schlucken schmerzt, besonders nachts, dabei habe ich immerzu Durst. Da ich nur wenig schlafe und wenn, dann sehr unruhig, verbringe ich die Tage in zunehmendem Halbdämmer. Zu schlapp, um irgendetwas mit mir anzufangen, lasse ich die Yogamatte morgens aufgerollt in der Ecke stehen, mache einen Bogen um die Rudermaschine, klappe den Laptop erst gar nicht auf. Der Körper hat dafür keine Ressourcen, die Krankheit frisst meine ganze Energie.

Die Nacht als bevorzugte Spielwiese

Als Schnupfen und Halsweh etwas lockerlassen, fällt ein ekliger Husten ins Haus, ein trockenes Bellen, das mich minutenlang schüttelt. Auch dieses Symptom sucht sich die Nacht als bevorzugte Spielwiese aus, raspelt und kratzt in meinem Rachen herum, bis sich Brustkorb und Bauch in konvulsivischem Zucken dagegen verbünden. Befeuert vom Zwerchfell schießt der Atem wie bei einem Zweitakter mit Fehlzündungen aus mir heraus. Und nochmal und nochmal, bis ich Ruhe habe für fünf Minuten oder zehn.

Mit etwas Glück schlafe ich ein, bevor er wieder mit seiner Kitzelfolter beginnt, dieser Hustenreiz. Elender oder verdammter hätte ich davorsetzen wollen, doch ich bin selbst zum Fluchen zu schwach und wälze mich nur auf die andere Seite. Huste schon wieder, obwohl kein Fremdkörper querliegt im Hals, der dadurch ausgestoßen werden könnte. Also wälze ich mich ein weiteres Mal herum, putze mir die Nase, die weiterhin versorgt werden will, und finde, obwohl todmüde, lange nicht in den Schlaf. Schrecke im zerwühlten Bett dann wieder aus einem Alptraum hoch, an dessen Inhalt ich mich nicht erinnern kann. Es geht stattdessen mit endlosen Gedankenschleifen weiter und ich bin froh, am Morgen vom Bett auf die Couch umzuziehen. Zwei Tage lang bin ich selbst dafür zu schlapp und stehe nur zum Essen auf. Zwei Mahlzeiten reichen, und meine Körperpflege beschränkt sich auf ein Mindestmaß. Zähneputzen und Katzenwäsche müssen reichen. Alles ist furchtbar anstrengend, selbst mich mit seichter Lektüre etwas abzulenken kostet zu viel Kraft.

Ich versuche unterdessen, die Energieräuber nicht als Feinde zu sehen und mich zu fügen. Sollen sie mich doch als ihr Schlachtfeld benutzen, Immunsystem gegen Viren, ich mache da einfach nicht mit. Ich kann nicht mehr als ein Beobachter sein, und momentan haben die Erreger sowieso die Oberhand. Es steht drei zu eins für die Symptome, ich ergebe mich.

Nach der Faustregel drei Tage kommt er, drei Tage bleibt er, drei Tage geht er, hätte der Schnupfen schließlich vorbei sein müssen. Husten und Halsweh haben diese Regel außer Kraft gesetzt. Erst nach zwölf Tagen wache ich morgens mit der Gewissheit auf, auf dem Weg der Genesung zu sein. Die Lebenskraft kehrt langsam zurück, der Körper scheint stärker, der Geist klarer zu sein.

Die Gedanken kommen wieder zur Ruhe

Jetzt kommen auch die Gedanken wieder zur Ruhe. Tagelang war da ein Strom von Bildern, die neue Bilder gebaren, und Erinnerungsfetzen aus allen Zeiten meines Lebens, die sich mit Zukunftsfantasien vermischten. Ich bin als Kind häufig krank gewesen, hatte jeden Winter eine schwere Mandelentzündung, die mit Penicillin behandelt wurde und jedes Mal fast drei Wochen dauerte. Ich war oft allein damit, wenn die Eltern auf Arbeit und die Geschwister in der Schule waren; Großeltern oder andere Verwandte waren weit weg, die hätten nach mir sehen können. Aber auch wenn jemand da war, blieb ich lieber für mich. Wirklicher Trost war von keinem zu erwarten; wer krank war, störte nur die gewohnte Routine, die schon dann durcheinandergeriet, wenn jemand die Füße beim Laufen nicht hob.

In die Erinnerungen mischen sich Träume, oft düster und bizarr und gleich wieder vergessen. Zudem bin ich emotional dünnhäutig, werde von Traurigkeit überschwemmt, fühle unvermittelt rasenden Hass und dann wieder schmerzhafte Einsamkeit. Etwas ist anders bei dieser Jahreswechselgrippe. Ich kämpfe kaum noch gegen diesen wilden Malstrom an Gedanken, Gefühlen und Empfindungen und lenke mich auch nur selten davon ab. Ich lasse alles trotz der diffusen Ängste geschehen, ich könnte davon in die Dunkelheit gesaugt werden, in einen Strudel, aus dem es kein Entkommen mehr gibt. Kreist er um den Tod, der mit jeder Krankheit etwas näher rückt als sonst?

An solcherlei Infektionen kann ein Mensch durchaus sterben, auch wenn es heutzutage und bei meiner Konstitution eher unwahrscheinlich ist. Im Ernstfall stünde die Hochleistungsmedizin mit Medikamenten und ihrem Arsenal an lebenserhaltenden Maschinen bereit. Sie in Anspruch nehmen zu müssen, davon bin ich freilich weit entfernt. Und doch scheine ich dem Tod viel näher zu sein als sonst, scheint das Wissen präsenter, dass er letztlich unausweichlich sein wird. Mit dieser Grippe hat er ein Einfallstor gefunden, mich in aller Deutlichkeit auf meine Endlichkeit hinzuweisen. Es ist nicht so, dass ich sonst seiner Botschaft bewusst ausweichen würde. Auch an gesunden Tagen nehme ich das Sterben um mich herum durchaus wahr. Nur eben so, als wäre ich dagegen immun.

Der Tod als dauerhafte Abwesenheit

Einer ist da, lange Zeit, und dann nicht mehr, das ist kurz gesagt mein Wissen vom Tod. So ist er mir als Kind zum ersten Mal begegnet, in der dauerhaften Abwesenheit von jemand oder etwas, das vorher unverrückbar vorhanden schien. Der Opa, das Meerschweinchen, die Katze, die Oma: Schon immer da und dann wie ausradiert, ohne eine Leerstelle zu hinterlassen. Das Leben füllt die Lücke, was ein Segen ist. Wie sollten wir auch weiterleben, wenn es nicht so wäre. Gelähmt von der Aussicht auf das dauerhafte Ausscheiden aus dem Leben würden wir vermutlich nur noch wie Zombies dahinvegetieren. Um weiterleben zu können, unsere Kinder großzuziehen, der Arbeit nachzugehen, die Alten zu pflegen müssen wir geradezu daran glauben, dass immer nur die anderen sterben. Vielleicht gibt uns dieser Glaube überhaupt erst die Kraft, Familien zu gründen und an der Welt mitzubauen. Die Toten tragen wir zu Grabe und dann versichern wir uns, das wir weiterleben, und das ist völlig in Ordnung so.

Genauso wie die Gewissheit der Sterblichkeit tragen wir die Gewissheit der Lebendigkeit in uns: Ich bin. Jetzt. Hier. Bin mir meiner Empfindungen bewusst, meiner Gefühle, meiner Gedanken. Nehme wahr, was in mir und was um mich herum geschieht. Bin mit der Welt verbunden und mit den Menschen, mit allem, was lebt und was stirbt.

Ich bin. Dieser Mensch oder in diesem Menschen, je nachdem, wie sehr ich mich in die Umstände meines Lebens verwickelt habe. Wer oder was ich wirklich bin, das kann ich nicht wissen; so sagen es zumindest die Weisen und ich ahne, das richtig ist, was sie sagen.

Ahnungen deuten auf Wissen hin, das uns eingebrannt ist. Unauslöschlich steht es in uns, vom Strom der alltäglichen Gedanken unberührt. Es ist ein Wissen, dass sich erst in der Stille mitteilt, wenn der Verstand leise wird, der Körper zur Ruhe kommt, die Aufmerksamkeit in sich selbst zu verweilen beginnt.

In Zeiten der Krankheit, die uns zur Ruhe zwingen, können wir uns leichter als sonst mit diesem Ahnungen verbinden, wenn wir bereit dazu sind, uns dem inneren Malstrom ganz hinzugeben. Seine Mitte steht still, von dort lassen sich alle möglichen Wege in allen möglichen Welten in einem Nu von Anfang bis Ende überblicken. Das Zentrum des Malstroms ist Start und Ziel jeden Bemühens, hier fängt der Lebenstrieb an und hier fällt er schließlich ins Nichts, wo er herkam, zurück.

Am Ende lösen sich alle Bindungen auf

Wenn alle Lebenskraft in die Heilung fließt, jede Zelle des Körpers mit der Abwehr der Bedrohung durch die Krankheitserreger beschäftigt ist, fehlt die Energie für all jene Aktivitäten, die diesen brodelnden Hexenkessel in uns erst in Gang gesetzt haben. Was veranstalten wir doch alle für einen Wirbel, individuell wie kollektiv, nur um der Gewissheit zu entkommen, dass das Leben unbeherrschbar ist und nichts und niemand uns davor schützt, als derjenige zu enden, mit dem wir uns ein Leben lang vertraut gemacht haben, meist unter mehr oder weniger großen Schmerzen. Am Ende müssen wir uns trennen, von uns selbst und von allem, mit dem wir fest verbunden sind. Oder besser fest verbunden scheinen, denn wie fest kann diese Verbindung sein, wenn sie mir nichts, dir nichts plötzlich enden kann? Ein Unfall, eine Krankheit, ein allergischer Schock, und alle Bindungen lösen sich schlagartig auf.

So gesehen kann mich jede Krankheit daran erinnern, wie kostbar dieser Moment ist, in dem Leben fühlbar in mir pulst – wenn ich bereit bin, mich erinnern zu lassen, wenn ich mich der Krankheit und ihren Symptomen ganz hingebe, ob es nun eine vergleichsweise harmlose Virusinfektion oder etwas anderes ist – jetzt, hier, während ich diese Zeilen schreibe und der Abend heraufdämmert. Ich nehme das Kranksein als Mahnung, mich noch mehr und noch bewusster auf das Leben einzulassen, noch mehr und noch bewusster aus mir herauszuschauen statt grüblerisch in mich hineinzuhorchen.

Ich will erfassen, wie das Leben augenblicklich ist, statt auf das innere Geplapper zu lauschen, das aus dem Vergleichen und Bewerten nicht herauskommt und mir andauernd sagt, wie ich und das Leben zu sein hätten. Ich will voll und ganz erfahren, was mir dieses Leben wie auf einem Silbertablett in jedem wachen Augenblick bietet, auch wenn es eine Krankheit ist. Ich ahne, dass sich Ausnahmen verbieten, weil das Leben keinen Unterschied macht zwischen guten und schlechten Erfahrungen, zwischen schönen und schrecklichen Erlebnissen. Statt also dem endlosen Barmen in meinen Kopf auf den Leim zu gehen, was ich auf der Stelle alles tun müsse, damit das Leben besser wird, will ich es genießen, wie es gerade ist. Und tatsächlich sind da Momente tiefen Friedens, egal wie verrotzt und zerschlagen ich gerade bin.

Zugegeben fällt das Genießen am dritten Tag der Genesung sehr viel leichter. Die Symptome werden zusehends schwächer, der Organismus wird immer kräftiger, während mir die Lebenskraft wieder zu Willen ist. Das Halsweh hat sich verzogen, ich huste kaum noch und komme mit einem Bruchteil der Taschentücher über den Tag. Ich kehre ins Leben zurück, von dem ich in Wirklichkeit ja nie weg gewesen bin, nehme an einer lange geplanten Onlineveranstaltung teil, lese, höre meine Lieblingsmusik, mache Pläne für die nächsten Tage. Noch muss ich mich schonen, damit es keinen Rückfall gibt, aber auch das fällt mir leichter diesmal. Ich freue mich auf einen Spaziergang, morgen vielleicht. Draußen liegt Schnee, die Sonne spielt Funkelspiele auf der Wiese und ein Schneemann grüßt freundlich herüber.

Kein Vergleich mit anderen Krankheiten

Ich bin dankbar, dass es nur eine Infektionskrankheit war, die Jahreswechselsausgabe des aktuellen Grippe- oder Coronavirus, was weiß ich, und dass ich vergleichsweise schnell auf den Beinen bin. Kein Vergleich also mit anderen Krankheiten, die einen wochenlang ans Bett fesseln, medizinische Intervention erfordern oder langwierige Pflege nötig machen.

Der Eisblock im Innern ist geschmolzen, ich habe ihn weg gehustet, weg geschnaubt, und ich bin wacher für den Zauber dieses Augenblicks, aufmerksamer für alles, was er mir bietet. Da ist eine Heiterkeit in mir, ein Vorbote der Freude, die mir der allertiefste Lebensgrund zu sein scheint, eine zwecklose Daseinslust, deren Erleben das höchste aller Gefühle ist.

Von einer Rückkehr ins Leben zu sprechen ist freilich eine ebenso überhöhte Metapher wie die vom Schnupfen als ungebetenem Gast. Es ist schlicht wunderbar, mich gesund und munter zu fühlen, ich darf es mit allen Sinnen genießen und ermutige jeden, dasselbe zu tun. Ob krank oder gesund, feiern wir, lebendig zu sein, und laden alles, was lebt, zu dieser Feier ein. Stoßen wir gemeinsam darauf an, dass in jeder Krankheit noch soviel Gesundheit steckt, dass man sich davon wieder erholen kann, und wenn es nur ein winziger Funken ist.

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